Earthquake Solidarity Fund: Erste Förderprojekte in der Türkei identifiziert

Zum ersten Jahrestag des Erdbebens in der Türkei und in Syrien im Jahr 2023 mit mehr als 50.000 Toten, startete die Allianz Foundation, gemeinsam mit ihrem Hub-Partner Postane, den „Earthquake Solidarity Fund“. Der Solidaritätsfond unterstützt derzeit acht Projekte in den Erdbebenregionen in der Südosttürkei, die den langfristigen Wiederaufbau zum Ziel haben, kulturelle Aspekte mit einbeziehen und Frauen sowie die kommenden Generationen fördern.

A puddle reflects a landscape of ruins and a palm tree

Antakya 2023 © Nesime Karateke

“Nach einer derartigen Katastrophe kann keine Unterstützung ausreichen, und doch sind alle Unterstützungsmaßnahmen von unschätzbarem Wert.”
Yaşar Adnan Adanalı, Gründer und Direktor von Postane

Über die Nothilfe hinaus.

Das Erdbeben in der Türkei und Syrien im Februar 2023 mit mehr als 50.000 Toten und Millionen von Vertriebenen war die schlimmste europäische Naturkatastrophe seit einem Jahrhundert. Allein in der Türkei waren über 14 Millionen Menschen in elf Provinzen und mehr als 650.000 Häuser insgesamt betroffen.

Die Hilfsbemühungen verlagerten sich nach einer kurzfristigen, intensiven Solidaritätswelle von der unmittelbaren humanitären Hilfe auf längerfristige Ziele. Dazu gehören der Wiederaufbau von Städten, die Errichtung von Wohnraum, der Schutz des kulturellen Erbes, die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und die Bildung von Kindern und Jugendlichen. In den vergangenen 12 Monaten haben sich zahlreiche Einzelpersonen, Initiativen und Organisationen aktiv um diese Anliegen bemüht. Diese Risktaker brauchen mehr Unterstützung!

Zu diesem Zweck haben die Allianz Foundation, ihr Hub-Partner in Istanbul, Postane, und die European Cultural Foundation (ECF) beschlossen, einen Erdbeben-Solidaritätsfonds einzurichten. Der Fonds zielt darauf ab, eine lebendige Zivilgesellschaft und den Kultursektor im weitesten Sinne in den betroffenen Regionen zu fördern. Dabei werden insbesondere Projekte gefördert, die einen besonderen Augenmerk auf die Stärkung von Frauenrechten und der kommenden Generationen legen.

Kernprinzipien des Solidaritätsfonds.

Dezentralisierung, Bedarfsanalysen und Collective Giving: das sind die drei Kernprinzipien, die dem “Earthquake Solidarity Fund” zugrunde liegen. Wir und unsere Partner sind davon überzeugt, dass ein Fonds wie dieser nur in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort erfolgreich sein kann, die über ein zuverlässiges Netzwerk in der betroffenen Region verfügen. Dabei müssen diejenigen angehört werden, die die Maßnahmen vor Ort umsetzen werden. Nur so können wir erfahren, welche Programme und Angebote bereits bestehen, bzw. wo wir sinnvoll unterstützen können. Der Fonds umfasst Mittel zur Projektunterstützung, zur Unterstützung von lokalen Kooperationen, Erstattung von Mobilitätskosten sowie für Kommunikationsmaßnahmen.

Geförderte Initiativen


Der Earthquake Solidarity Fund unterstützt acht Projekte zur Förderung des Wiederaufbaus der von den Erdbeben betroffenen Regionen. Diese Projekte umfassen sowohl Bemühungen zur Wiederherstellung der Infrastruktur als auch Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz lokaler Gemeinschaften. Erfahren Sie mehr über die ausgewählten Initiativen hier:

Mehr Pollengärten für Hatay

Polen Kolektif, bekannt für sein Engagement in den Bereichen Kinderrechte, Ökologie und Kunst, führt darüber hinaus eine umfassende Initiative zur Schaffung weiterer Pollengärten in Hatay an. Pollengärten sind ausgewiesene Areale, die mit speziellen Pflanzenarten bestückt sind, um Bestäuber wie Bienen und Schmetterlinge anzulocken, was zur Pflanzenreproduktion und zur Gesundheit des Ökosystems beiträgt. Das Projekt widmet sich stark erdbebenbetroffenen Gebieten wie Samandağ und Defne. Das Ziel: Kinder ganzheitlich bei ihrer Genesung mit Blick auf die traumatischen Erlebnisse während der Erdbeben unterstützen. Durch die Verbindung von Kunst, Ökologie und Permakultur strebt die Initiative an, diese Traumata zu adressieren, Resilienz zu steigern und die persönliche Entwicklung der Kinder trotz widriger Umstände zu fördern. In verschiedenen Workshops mit insgesamt 1200 Kindern werden ökologisches Bewusstsein, künstlerischer Ausdruck und Verbundenheit vermittelt. 

Workshop Polen Kolektif

© Polen Kolektif

Nehna Team

© Nehna

Erhalt von kulturellem Erbe

Nehna widmet sich dem Erhalt von kulturellem Erbe und beleuchtet im Rahmen von "Oral History Project" die reiche, aber bisher weitgehend unerforschte (mündliche) Geschichte der orthodoxen Gemeinschaft von Antakya. Das Projekt konzentriert sich auf Regionen innerhalb der Provinz Hatay und richtet sich an Personen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die Interesse an Geschichte und verschiedenen Praktiken der mündlichen Überlieferung haben. Durch einschlägige Kurse, die von erfahrenen Dozent*innen geleitet werden, sollen die Teilnehmer*innen die notwendigen Fähigkeiten zur Analyse mündlicher Überlieferung im Kontext geschichtlicher Forschung erlernen. Das Hauptziel dabei ist es, die gesammelten Erzählungen am Ende in einem digitalen Booklet zusammenzufassen, um das kulturelle Erbe von Antakya für zukünftige Generationen zu bewahren und weiterzugeben.

 

 

+ Weitere Projekteinblicke folgen in Kürze +

Streets of Antakya after the earthquake. Everywhere is rubble.

Die Altstadt von Antakya nach dem Erdbeben 2023 © Nesime Karateke

A wall of a demolished house. There are leftovers of the walls of the rooms, one where still a TV-screen is attached to the wall, another one with a shelf.

Zerstörtes Gebäude nach den Erdbeben in Antakya 2023 © Nesime Karateke

Streets in Antakya ly in rubbles after the earthquake

Die zentrale Geschäftsstraße Saray Street in Antakya nach den Erdbeben 2023 © Nesime Karateke

Drei Fragen an…

Wir haben drei Fragen an die Initiator*innen des Projektes gerichtet: Yaşar Adnan Adanalı, Gründer und Direktor von Postane und Esra Kücük, Vorständin der Allianz Foundation.

"Ein Jahr nach dem Erdbeben: wo stehen wir?"

Yaşar Adnan Adanalı: “Nach einer derartigen Katastrophe kann keine Unterstützung ausreichen, und doch sind alle Unterstützungsmaßnahmen von unschätzbarem Wert. Die Lage in der vom Erdbeben betroffenen Region ist nach wie vor katastrophal. In einigen Gebieten, wie z.B. in Hatay, sind selbst die Aufräumarbeiten noch nicht abgeschlossen, geschweige denn der Wiederaufbau. Zahllose drängende Probleme erwarten Lösungen. Insbesondere in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Zugang zu städtischen Dienstleistungen bedarf es noch vieler Maßnahmen. Bedauerlicherweise hat die Aufmerksamkeit, die dieser Katastrophe auf der nationalen Ebene zuteil wurde, nachgelassen.”
 
Esra Kücük: “Das Erdbeben im Februar 2023 ging in die Geschichte als schlimmste europäische Naturkatastrophe seit einem Jahrhundert ein. Die Anteilnahme und internationale Solidarität waren entsprechend sichtbar, freiwillige Helfer reisten an, tausende Hilfspakete wurden geschickt, Spenden gesammelt. Man muss sich das Ausmaß noch einmal vor Augen führen. Allein in der Türkei waren elf Provinzen mit einer Bevölkerung von 14 Millionen Menschen betroffen und mehr als 650.000 Wohnungen wurden laut Regierung unbewohnbar. Bis zu vier Millionen Menschen verließen ihre Wohnorte. 

Zwölf Monate später berichten uns unsere lokalen Partner, dass die Zerstörung noch immer überall sichtbar ist.  Tausende von Menschen leben noch immer in Containern.

Heute denkt kaum noch jemand an die katastrophale Situation vor Ort. Das möchten wir mit dem Solidaritätsfond ändern. Neben dem Wiederaufbau der Infrastruktur oder Wohnraum, müssen auch das kulturelle Erbe gesichert und zivilgesellschaftliche Räume neu geschaffen werden. Wir haben uns vorgenommen gemeinsam mit Projekten vor Ort die Menschen längerfristig beim Wiederaufbau von Zivilgesellschaft und Kultur zu unterstützen.“
 
“Was unterscheidet diesen Solidaritätsfond?”

Yaşar Adnan Adanalı:  “Vor der Einrichtung des Erdbeben-Solidaritätsfonds haben wir versucht, die Bedürfnisse der in der Region tätigen Initiativen zu verstehen. Zu diesem Zweck haben wir Einzelgespräche und Fokusgruppentreffen organisiert. Unser Ziel war es, einen wirkungsorientierten Fonds mit einem einfachen und zugänglichen Antragsverfahren zu schaffen. Dieser Fonds ist für Organisationen gedacht die lokal wirksam sind und Unterstützung benötigen. Außerdem fördert er die Zusammenarbeit zwischen diesen Organisationen.”

Esra Kücük: “Für uns als Stiftung sind vertrauensvolle lokale Partnerschaften von großer Bedeutung. Postane ist Teil unseres Allianz Foundation Hubs Netzwerkes und wir sind unserem Partner für ihre lokale Expertise und ihren türkeiweiten Netzwerk, dass sie hier zur Verfügung stellen, sehr dankbar.  Dadurch entsteht eine echte Bottom Up Initiative. Wir glauben daran, dass es eine Gelingensbedingung ist für die langfristige Wirksamkeit unserer Förderung: wenn Projekte vor Ort entwickelt werden, regionale Bedürfnisse im Zentrum stehen und die lokalen Partner im Lead sind.”

"Wie wird es mit dem Solidaritätsfonds weitergehen?"

Yaşar Adnan Adanalı: “Die Solidarität mit den lokalen Initiativen, die sich im Rahmen des Solidaritätsfonds für den Wiederaufbau des betroffenen Gebiets einsetzen, ist von unschätzbarem Wert. Das gilt sowohl für den Wiederaufbau der Region als auch für die Sicherstellung des Informationsflusses, der erforderlich ist, damit die Bedürfnisse der Region in ganz Europa auf der Tagesordnung landen. Ich hoffe, dass das Bewusstsein für die Probleme nicht versiegt.”

Esra Kücük: “Ich hoffe sehr, dass wir noch weitere Partner für den Solidaritätsfond gewinnen können und ihn dadurch aufstocken. Deshalb werden wir den Fund auch eng mit Videoarbeiten dokumentieren, um die Fortschritte vor Ort nachvollziehen zu können.  Mit der European Cultural Foundation haben wir bereits einen starken Partner für den Fonds gewonnen, ich bin für die Unterstützung sehr dankbar. Wir wollen den Stein ins Rollen bringen, damit der Wiederaufbau in der Region über die Nothilfe hinaus gelingt. Wir wollen aber natürlich auch das Bewusstsein dafür schärfen, dass eine funktionierende Zivilgesellschaft, Kultur und Bildung, elementare Dinge des alltäglichen Lebens sind, die bei der Erdbebenhilfe berücksichtig werden müssen.“

“Faces of Antakya”

Eine Porträtreihe von Postane über kulturelle Resilienz.

Nach dem 6. Februar 2023 hat Postane die Videoserie "Faces of Antakya" produziert um konstruktive Geschichten von Künstler*innen und Kulturschaffenden zu erzählen, die am Wideraufbau in der Region Hatay beteiligt sind.

Antakya, eine multikulturelle Stadt mit einer Geschichte, die von jüdischen, christlichen und islamischen Einflüsse geprägt ist und mit zahlreichen Gebäude von weltweiter kultureller Bedeutung, ist von dem Erdbeben im Zentrum von Kahramanmaraş am 6. Februar mit am stärksten betroffen.

In der Folge sind Antakyas multikultureller Charakter, ihre berühmte Gastfreundschaft und sein kulinarisches Erbe stark bedroht. Das kulturelle Erbe wird von lokalen Kulturakteur*innen der Stadt nach wie vor bewahrt. Sie produzieren Marmeladen, Hummus, Backwaren, Tandooris, rösten Kaffee, schmieden Kupfer, weben, sind Serikulturisten*innen, Mosaikkünstler*innen, Bildhauer*innen und Musiker*innen. Das Projekt Faces of Antakya will den Geist der Stadt am Leben halten, indem es die Geschichten dieser Menschen erzählt.

Ein Eindruck von vor Ort von Nesime Karateke, der Produzentin von Faces of Antakya, über die Unsicherheit und Produktivität in der Region:

"Hallo, ich bin Nesime. Ich komme aus Antakya und arbeite als Produktionsleiterin bei Postane. Ich bin Dokumentarfilmerin. Seit dem Erdbeben war ich mehrmals in Hatay, einem der betroffenen Gebiete. Seit dem Tag des Erdbebens kann ich sagen, dass die Unsicherheit das wichtigste Thema in der Region ist. Obwohl ein Jahr vergangen ist, versuchen die Menschen immer noch, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dass eine langfristige Perspektive in Sicht ist. In den ersten Wochen stellten sie sich die Frage, wie sie ihre unter den Trümmern eingeschlossenen Angehörigen retten könnten, wo sie schlafen und was sie essen würden. Mit der Zeit wurden diese akuten Fragen durch die Frage ersetzt, wie man weiterleben kann, wie die Landwirte wieder mit dem Ackerbau beginnen, welche Schulen die Kinder besuchen und wie die Kulturschaffenden neue Werke schaffen können... Die Menschen versuchen immer noch herauszufinden, wie sie ihre Grundbedürfnisse decken können, während sie gleichzeitig versuchen, die Stadt wieder aufzubauen.

Antakya war im Laufe der Geschichte eine sehr produktive Stadt. Auch nach dem Erdbeben bleibt sie trotz aller Unsicherheit produktiv. Frauenkooperativen, Kulturschaffende und Künstler*innen arbeiten daran, das Wohlergehen der Menschen zu sichern. Die Gründung und das Wachstum von Kooperativen schaffen Arbeitsplätze, und die Produktivität lindert die Ängste und ist heilsam. Es gibt auch viele Künstler*innen und Kulturschaffende, die Workshops für Kinder anbieten. Es ist wichtig, diese Werkstätten zu erhalten und sie zu unterstützen, denn sie sind von großer Bedeutung in der Traumaarbeit."

(Die aus Antakya stammende Nesime Karateke ist eine Dokumentarfilmerin, die eine Reihe von Kurzfilmen über urbane und ökologische Kämpfe gedreht und produziert hat. Sie ist die Produktionsleiterin von Postane.)

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Production: Post Office Production / Project Coordinator: Nesime Karateke / Technical Team: Berkan Aktepe, Ezgi Aysever, Uğur Nur, Tolga Eskiocak.

Kooperierende Institutionen.

Postane. Ein Zentrum für Zivilgesellschaft, Kultur und ökologische Fragen im Herzen von Istanbul. Seit 2023 ist Postane Teil der Allianz Foundation Hubs, eines europäischen Netzwerks regionaler Plattformen aus Kultur, Zivilgesellschaft und Klimaschutz, die an Lösungen zu den drängenden Fragen unserer Zeit arbeiten. Postane koordiniert den Solidaritätsfonds und ist Ko-Inititator. Mehr Informationen.

Allianz Foundation. Unsere Mission: Bessere Lebensbedingungen für die kommenden Generationen zu ermöglichen. Die Stiftung ist operativ und fördernd tätig und arbeitet mit Menschen und Organisationen, die sich den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Wir unterstützen und vernetzen Risktaker aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Kunst und Kultur sowie Klimaschutz. Die Allianz Foundation ist Ko-Initiator des Solidaritätsfonds und stellte das Startkapital. Über uns.

European Cultural Foundation (ECF). Die ECF fördert den europäischen Zusammenhalt durch die Entwicklung und Unterstützung kultureller Initiativen, die Europa erlebbar, erfahrbar und vorstellbar machen. Die ECF ist eine engagierte und vielfältige internationale Stiftung mit einem starken Netzwerk, die mit Akteuren in ganz Europa zusammenarbeitet. Die ECF ist der erste externe Geldgeber des Fonds. Mehr Informationen.

*Alle Copyrights zur Reihe "Faces of Antakya" liegen bei Postane Productions mit Unterstützung der Bertha Foundation. 

(Letzte Bearbeitung: 26. März 2024)