Magid Magid über die Allianz Foundation Next Generations Study 2023
Vor der Veröffentlichung unserer Allianz Foundation Next Generations Study „The Movers of Tomorrow?“ am 31. Oktober haben wir unseren Fellow Magid Magid gebeten, unsere Ergebnisse einzuordnen. Hier sein Blog.

„Wir können nicht über die Klimakrise sprechen, ohne anzuerkennen, dass sie auch eine Frage von Ungleichheit und Rassismus ist.“
Vor der Veröffentlichung der Allianz Foundation Next Generations Study: „The Movers of Tomorrow?“ am 31. Oktober haben wir unseren Fellow Magid Magid gebeten, unsere Ergebnisse einzuordnen. Magid Magid ist somalisch-britischer Aktivist, Autor, ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments und ehemaliger Bürgermeister von Sheffield. Seine Arbeit der letzten Jahre kreist um Klimagerechtigkeit, die Rechte von Geflüchteten und soziale Gerechtigkeit. Er ist Gründer und Direktor der Union of Justice, einer unabhängigen, von People of Color (POC) geführten Organisation für Rassismus- und Klimagerechtigkeit. Magid Magid ist außerdem Allianz Foundation Fellow. Hier ist sein Blog.
Wir können nicht über die Klimakrise sprechen, ohne anzuerkennen, dass sie auch eine Frage von Ungleichheit und Rassismus ist. Wir bei der Union of Justice sind eine europäische, unabhängige, von People of Color (POC) geführte Organisation für Rassismus- und Klimagerechtigkeit — denn zwischen beidem besteht ein klarer, entscheidender Zusammenhang. Unsere unmittelbaren Ziele: sicherzustellen, dass zentrale Projekte und Entscheidungen europäischer Klimapolitik Ungerechtigkeit nicht verschärfen, und dass die Stimmen und Anliegen von POC gehört und aufgenommen werden. Ein gerechter Klimawandel verlangt, dass jede Klimaschutzmaßnahme gerecht, inklusiv und divers gedacht ist. Das braucht breite Unterstützung und Beteiligung durch alle Schichten der Gesellschaft — besonders durch die jüngeren Generationen, deren Leben die Folgen des Klimawandels viel härter treffen werden als die der Älteren.
Die „Next Generations“ Study, die die Allianz Foundation im Oktober veröffentlicht, zeichnet ein vielschichtiges Bild der Bereitschaft — und Zurückhaltung — junger Menschen, sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung zu engagieren. Auf Basis einer Befragung von 10.000 Angehörigen der Generationen Z und Y in fünf europäischen Ländern, darunter unser Heimatland Großbritannien, liefert sie dringend nötige Einsichten und schafft eine Grundlage für die Debatte, wie wir junge Menschen noch besser motivieren können, Verantwortung für eine grüne und gerechte Zukunft zu übernehmen.
Derzeit belasten viele drängende Entwicklungen den Raum für Klimagerechtigkeit. Eine davon: Das britische Parlament hat Anfang des Jahres die „Public Order Bill“ verabschiedet — ein Gesetz, das drakonische Befugnisse einführt, um das Grundrecht auf friedlichen Protest einzuschränken. Und wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann dass es ohne Protest keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt. Das Gesetz umfasst Anordnungen, die Einzelnen die Teilnahme an Protesten verbieten können, und erweitert die Polizeibefugnisse, Menschen anzuhalten und zu durchsuchen — mit der Begründung, sie könnten eine protestbezogene Straftat planen, viele davon durch das Gesetz selbst neu geschaffen — bis hin zu „verdachtsunabhängigen“ Durchsuchungen im Umfeld von Protesten. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, nannte das Gesetz „zutiefst beunruhigend“: Es beschränke Meinungs- und Versammlungsfreiheit auf eine Weise, die „weder notwendig noch verhältnismäßig“ sei.
Über Jahrzehnte haben wir erlebt, wie wichtig friedlicher Protest ist, um vor der Klimakatastrophe und dem Verlust der Natur zu warnen und Entscheidungsträger*innen von der globalen bis zur lokalen Ebene zum Schutz von Mensch und Planet zu drängen. Dieses Gesetz trifft den Raum für Klimagerechtigkeit, weil es Menschen davon abhalten wird, sich Protesten anzuschließen, die nötig sind, um den Erhalt der Natur und schnelleres Klimahandeln einzufordern.
Ein weiteres drängendes Problem im Klimadiskurs ist seine Dominanz durch die Mittelschicht — und der daraus folgende Mangel an vielfältigen Perspektiven. Diese Schieflage übersieht die besonderen Herausforderungen und Einsichten von Arbeiter*innen und marginalisierten Communities, besonders von jungen Menschen, die oft entmachtet sind. Der Klimawandel trifft nicht alle gleich; wer ohnehin benachteiligt ist, trägt oft die Hauptlast von Umweltzerstörung und Extremwetter. Doch ihre Stimmen und Bedürfnisse werden in Politik und Debatte häufig ignoriert. Die entwickelten Lösungen und Maßnahmen bedienen meist die ohnehin Privilegierten und verschärfen so ungewollt soziale Ungleichheit. Klimagerechtigkeit verlangt die Einbeziehung aller Stimmen — im Wissen, dass die Antwort auf den Klimawandel das komplexe Zusammenspiel sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Faktoren verstehen muss. Erst ein inklusiver Dialog macht einen gerechteren und wirksameren Umgang mit dem Klimawandel möglich.
Auf drei Wegen begegnen wir diesen Problemen als Organisation.
Erstens haben wir ein lebendiges Netzwerk von Aktivist*innen, Kampagnenmacher*innen, Forschenden, Künstler*innen, Gruppen und Changemakern aus marginalisierten Communities aufgebaut. In diesem Netzwerk organisieren wir Trainings, Mentoring und Capacity Building, damit die am stärksten Betroffenen die Fähigkeiten und das Wissen haben, in ihren Communities Wandel zu bewirken. Das Netzwerk bietet einen Ort, um Teil einer Gemeinschaft zu sein, Erfahrungen zu teilen und Ideen dafür zu erproben, wie eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft aussehen könnte.
Zweitens gründet unser Einsatz für Wandel auf sorgfältiger Forschung. Wir führen wegweisende Untersuchungen zu den aktuellen und historischen Klima-Ungerechtigkeiten durch, denen Communities of Color in Westeuropa ausgesetzt sind — und zu den Auswirkungen bestehender nationaler und EU-Politik auf sie.
Und schließlich liegt der Kern unseres Engagements bei den jungen Menschen, die auf allen Ebenen unserer Organisation eine zentrale Rolle spielen. Aus der Arbeit mit ihnen entstand die Idee einer Künstler*innen-Residenz — denn Klimalösungen dürfen nicht allein Wissenschaftler*innen, Technokrat*innen und Politiker*innen überlassen werden. Die Klimakrise ist auch eine Krise der Kultur und damit der Vorstellungskraft.
Mit Blick auf unsere Mission bietet die „Next Generations Study“ Organisationen wie unserer einen wichtigen Kompass, um die Beweggründe, Hoffnungen und das Zögern junger Menschen zu entschlüsseln. Sie hilft uns, ihre (fehlende) Bereitschaft, sich stärker für einen gerechten Klimawandel einzusetzen, auf vier Weisen besser zu verstehen.
Zuallererst: Indem die Studie Antriebe und Hürden junger Menschen sichtbar macht, hilft sie uns, Strategien zu entwickeln, die an ihren tatsächlichen Anliegen ansetzen. Wenn junge Menschen sich etwa leidenschaftlich um ihre Zukunft sorgen, sich aber durch gefühlte Wirkungslosigkeit abschrecken lassen, können Organisationen Kampagnen entwickeln, die stärken und zugleich greifbare Ergebnisse zeigen.
Zweitens liefert die Studie ein differenziertes Verständnis davon, wie junge Menschen Informationen konsumieren und wem sie vertrauen. In einer Zeit, in der klassische Medien von digitalen Plattformen und Influencer*innen überschattet werden, hilft das Wissen, wo junge Menschen Wissen suchen und wem sie vertrauen, die eigene Kommunikation zu schärfen — die richtigen Plattformen zu wählen und mit vertrauenswürdigen Stimmen zu arbeiten, die bei der jungen Generation Resonanz finden.
Drittens können Erkenntnisse darüber, welche Formen des Engagements junge Menschen bevorzugen, die Mobilisierung strategisch leiten. Ob Online-Aktivismus, lokale Projekte oder globale Bewegungen: Wer ihre Vorlieben versteht, kann Angebote schaffen, die zu Interessen und Lebensrealitäten passen — für höhere Beteiligung und ein stärkeres Gefühl von Eigenverantwortung.
Und schließlich unterstreicht die Studie mit dem Blick auf die vielfältigen Anliegen junger Menschen aus unterschiedlichen Communities die Notwendigkeit von Inklusion. Klimagerechtigkeitsorganisationen können ihre Kampagnen repräsentativer machen — damit Stimmen unterschiedlichster Herkunft nicht nur gehört, sondern aktiv an Narrativ und Handeln beteiligt werden.
Von passgenauer Kommunikation und strategischer Mobilisierung bis zu inklusiven Kampagnen und politischer Orientierung: Die Erkenntnisse der Next Generations Study können entscheidend dabei helfen, Initiativen zu gestalten, die Herz und Verstand der Jungen erreichen — und ihre Leidenschaft und Beteiligung im Einsatz für einen gerechten Klimawandel entfachen.







