Dieses Detail steht quasi stellvertretend für das Ethos der Autostrada Biennale, eines der Allianz-Foundation Hubs: Hier geht es um Kunst, die herausdrängt aus Museen und Galerien und die den Kontakt sucht mit dem Leben, in all seinen Unwägbarkeiten. Dabei geht es einerseits um die Präsentation: viele Teile der Autostrada Biennale sind in öffentlichen und privaten Räumen zu sehen, an Wänden von Wohnhäusern, in Wohnungen, vor Baustellen und in Ruinen. Andererseits geht es auch darum, wie Kunst gemacht wird: Viele der ausgestellten Werke wurden mit einem Team motivierter junger Kosovar:innen vor Ort in den Werkstätten der Autostrada Biennale in einem ehemaligen NATO-Hangar hergestellt. Kunstschaffen und praktische Ausbildung in Holz-, Metall- und Textilarbeiten gehen so Hand in Hand.
Für die vierte Ausgabe haben die beiden Kuratorinnen Övül Ö. Durmuşoğlu und Joanna Warsza den Titel „All images will disappear, one day“ gewählt. Es geht um Vergänglichkeit, um Trauer, aber auch Wandel und um die Hoffnung, die aus Neuem erwachsen kann. Bilder, Texte, Erinnerungen: alles droht ständig zu verschwinden. Ganz besonders, wenn man sich aus den geschützten Räumen der Kulturstätten hinauswagt. Wahrscheinlich hätten sich auch die Kuratorinnen jedoch nicht ausmalen wollen, wie konkret und real ihr Konzept schnell werden würde. Drei der Werke der auf Textilarbeiten spezialisierten türkischen Künstlerin Gözde İlkin waren den Außenmauern von Privathäusern in Prizren installiert. Zuvor hatte İlkin lange mit den Bewohner:innen gesprochen, um gemeinsam Motive zu entwickeln, die sich aus deren Erinnerungen und Erlebnissen speisten. Doch am Tag der Eröffnung, morgens früh um fünf Uhr, wurde eine der Mauer von einem Abrissteam demoliert – und İlkins filigrane Stoffarbeit im Schutt begraben. Statt Kunst im öffentlichen Raum gab es nurmehr eine Brache zu sehen, aus der ein Bagger die Mauerreste schaufelte. Es war zugleich ein Bild des oft rabiat voranschreitenden Verschwindens der Altstadt von Prizren - und ein unverhofft wirkungsvolles Sinnbild des kuratorischen Konzepts der Biennale.