Jasemin Seven über die Allianz Foundation Next Generations Study 2023

Die sellvertretende Leiterin der Jungen Islam Konferenz, Jasemin Seven, reflektiert im folgenden Blogbeitrag, was die Erkenntnisse der Next Generations Engagement Study der Allianz Foundation für ihre Arbeit bedeuten. Was können wir für ein postmigrantisches, rassismuskritisches Deutschland und Europa aus den Ergebnissen der Studie zur Engagementbereitschaft junger Europäer*innen lernen?

A portrait of Jasemin Seven

Jasmine Seven © Stefanie Loos

“Wenn Engagement jungen Menschen neue Fähigkeiten vermitteln und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bieten möchte, muss es echte Entscheidungsspielräume und Mitbestimmungsmöglichkeiten geben.”
Jasemin Seven, Junge Islam Konferenz

Der Mut einer neuen postmigrantischen Generation? Wann Engagement das Gemeinschaftsgefühl und damit unsere Demokratie stärkt

 

Die Leiterin der Jungen Islam Konferenz, Jasemin Seven reflektiert im folgenden Blogbeitrag, was die Erkenntnisse der Next Generations Engagement Study der Allianz Foundation für ihre Arbeit bedeuten. Was können wir für ein postmigrantisches, rassismuskritisches Deutschland und Europa aus den Ergebnissen der Studie zur Engagementbereitschaft junger Europäer*innen lernen? Die Junge Islam Konferenz (JIK) ist eine Austauschplattform und ein Empowerment-Raum zu islambezogenen Fragen und Themen des Zusammenlebens in einer postmigrantischen Gesellschaft. Als Programm der politischen Bildung richtet sie sich mit ihren Angeboten insbesondere an junge Erwachsene zwischen 17 und 27 Jahren. Jasemin Sevens Hauptthese: Wenn Engagement jungen Menschen neue Fähigkeiten vermitteln und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bieten möchte, muss es echte Entscheidungsspielräume und Mitbestimmungsmöglichkeiten geben. Wichtig ist es dabei, nicht nur mit marginalisierten Personen zu arbeiten, sondern auch privilegierte Menschen mit einzubinden, um einer Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Muslimische Stimmen sind im öffentlichen Diskurs häufig ein bloßes Hintergrundrauschen. Man nimmt sie wahr, aber wirklich gehört werden sie nicht. Als Junge Islam Konferenz verstehen wir es als eine unserer Aufgaben, diese jungen Menschen im Diskurs über gesellschaftliche Spaltung, soziale Gerechtigkeit und Partizipation hörbar und sichtbar zu machen. Denn wenn es um die Frage geht, in was für einer Gesellschaft wir in Zukunft leben wollen, müssen junge Menschen ermutigt werden, sich einzumischen, Zwischentöne zu erzeugen, eigene Narrative zu setzen und damit die Gesellschaft und ihre eigene Zukunft mitzugestalten.

Die postmigrantische Generation geht mutig voran – aber was ist es, dass sie beschäftigt? Damit hat sich die Next Generations Study intensiv auseinandergesetzt. Die 10.000 Befragten der Studie wurden repräsentativ entlang „Alter, Geschlecht und Bildung“ gewichtet, auch der Anteil an jungen Menschen „mit Migrationshintergrund“ wurde berücksichtigt. Das ist in Deutschland laut Mikrozensus rund jeder dritte junge Erwachsene (1). Im Netzwerk der Jungen Islam Konferenz finden sich überdurchschnittlich viele junge Menschen mit Migrationsbiografie wieder. Diese gehören hauptsächlich der Generation Z (im Alter von 18 bis 26 Jahren) an und sind zum großen Teil Studierende der ersten Generation. Wenn wir deshalb mit unseren Netzwerkmitgliedern Zukunftsfragen, ihr Gerechtigkeitsverständnis und eigene Diskriminierungserfahrungen diskutieren, spielt die eigene gesellschaftliche Positionierung eine entscheidende Rolle.

Der Wunsch unserer Netzwerkmitglieder ist es, in einer Gesellschaft zu leben, in der sich jede*r einbringen kann, die gleichen Rechte und Chancen hat, ihre*seine Zukunft zu gestalten und frei ist, ihre*seine Träume zu leben. Eine Gesellschaft, in der sie sich selbst definieren dürfen und gehört, ernstgenommen und anerkannt werden. Dieses Versprechen auf Anerkennung, Chancengerechtigkeit und Teilhabe hat die plurale deutsche Demokratie bisher noch nicht eingelöst. Besonders deutlich spiegelt sich das in der mangelnden Repräsentation von Menschen mit Migrationsbiografie sowie anderen Minderheiten in Politik, Medien und weiteren Bereichen der Öffentlichkeit wider.

Die Next Generations Study schafft eine breite Datenbasis zum Engagement junger Menschen gegen Diskriminierung. In der Studie geben viele junge Menschen in Deutschland an, vorsichtig optimistisch zu sein, was die zukünftige Entwicklung bei der Chancengleichheit angeht, und gehen davon aus, dass sich die Lebensqualität von Minderheiten in zehn Jahren verbessert haben wird. Auch in unserem Netzwerk sehen wir junge Menschen, die Mitbestimmung selbstbewusst einfordern, sich frei von den Erwartungen der Dominanzgesellschaft Räume schaffen, in denen sie neue Impulse und eigene Themen setzen und eine offene Gesellschaft aktiv mitgestalten, in dem sie den gesellschaftlichen Status Quo neu verhandeln.

In der Studie geben die Befragten aus Deutschland an, im europäischen Vergleich etwas seltener „sehr“ besorgt zu sein, wenn sie an Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit oder Nationalität denken. Besonders überraschend ist hierbei, dass vor allem in der Gruppe der Befragten „mit Migrationshintergrund“ der Besorgnisgrad hinsichtlich der Diskriminierung aufgrund der Herkunft tendenziell niedrig ist. Junge Menschen engagieren sich aber vor allem dann, wenn es um Themen und Belange geht, die sie selbst beschäftigen. Wenn also, wie in der Studie erfasst, der Besorgnisgrad niedrig ist, dann ist davon auszugehen, dass sich für diese Themen auch weniger Menschen engagieren. Um das Engagement junger Menschen für diese Themen zu steigern, muss also die Bedeutung, die Rassismus für alle Menschen in unserer Gesellschaft hat, noch sichtbarer gemacht werden. Neben der Gewalt gegen rassifizierte Menschen und Communities, verhindert Rassismus gesellschaftliche Transformationsprozesse, die soziale Gerechtigkeit zum Ziel haben und ist damit gesamtgesellschaftlich relevant.

Zusätzlich sollte an dieser Stelle die Tatsache Beachtung finden, dass Personen, die statistisch gesehen einen „Migrationshintergrund“ haben, nicht unbedingt als „anders“ gelesen werden müssen, sondern durchaus als weiß und/oder deutsch von der Dominanzgesellschaft wahrgenommen werden können und damit bestimmte Diskriminierungserfahrungen nicht machen. Dieses Privileg des „Unsichtbar-Seins“ wird Muslim*innen und jenen, die anhand von rassistisch codierten Merkmalen muslimisch markiert werden, nicht zuteil. Sie machen vielfältige gesellschaftliche Diskriminierungserfahrungen auf einem insgesamt hohen Niveau. Vor allem kopftuchtragende Frauen berichteten von „besonders drastischen Formen der Anfeindungen“ (2). Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Next Generations Study zusätzlich angibt, dass die Sorge über Diskriminierung und Ausgrenzung tendenziell größer ausgeprägt ist bei Menschen unter 25, unter Frauen, in Großstädten und unter politisch Linksgerichteten. Viele unserer Netzwerkmitglieder gehören genau diesen Kategorien an und machen alltäglich die Erfahrung, aus rassistischen Gründen einen Job oder eine Wohnung nicht zu erhalten, im Schul- und Studienalltag diskriminiert zu werden oder verbal oder körperlich angegriffen zu werden. 
Tendenziell berichten junge Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss aus Folgegenerationen von häufigerer und stärkerer Diskriminierung als ältere, bildungsbenachteiligte Personen aus der ersten Einwander*innengeneration (3). Dies kann darin begründet sein, dass Muslim*innen, die in Deutschland aufgewachsen bzw. sozialisiert sind, einen höheren Anspruch an gesellschaftliche Teilhabe und zugleich eine höhere Sensibilität für Diskriminierung haben als neu zugewanderte Personen. Es ist daher unerwartet, dass trotz der demographischen Zusammensetzung der Befragten (Alter 18-39 Jahre), der Besorgnisgrad der Befragten „mit Migrationshintergrund“ tendenziell niedriger liegt.

Die Studie zeigt weiterhin, dass im europäischen Vergleich junge Erwachsene in Deutschland zwar bislang durchschnittlich häufig engagiert sind und dabei oft bereit sind, körperliche Anstrengungen auszuhalten und offen ihre Meinung zu vertreten. Sie schrecken jedoch vor Gewalt und Aktionen, die strafrechtliche Folgen, einen Jobverlust, finanzielle Risiken und Einbußen bei der Privatsphäre nach sich ziehen könnten, zurück.

Diese Ergebnisse decken sich mit unseren Erfahrungen aus der Praxis. Finanzielle Risiken und strafrechtliche Folgen eingehen zu können ist ein Privileg, das nicht alle Menschen haben. Vor allem für vulnerable Gruppen ist aktivistisches Engagement daher besonders schnell mit negativen Konsequenzen verbunden. Umso wichtiger ist es, dass Engagement junger Menschen, die sozio-ökonomisch benachteiligt sind, anzuerkennen. Dies kann beispielsweise in Form von Qualifikationsnachweisen und Zertifikaten für ihren Lebenslauf erfolgen.

Zusammenfassend zeigt die Next Generations Study, dass die Themen Migration & Integration die Gesellschaft spalten, und das unabhängig von „Alter, Geschlecht und Bildung“. Wenn es um kulturelle und strukturelle Teilhabe geht, ist es daher wichtig, nicht nur mit marginalisierten Personen zu arbeiten, sondern auch privilegierte Menschen mit einzubinden, um einer Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Es gilt daher auch für uns, nicht nur eine stärkende Ressource für Betroffene im Umgang mit rassistischen Erlebnissen zu sein, sondern auch Allies vermehrt in den Fokus zu nehmen und sie für den Kampf gegen Diskriminierung zu gewinnen.

Wenn Engagement jungen Menschen neue Fähigkeiten vermitteln und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bieten möchte, muss es echte Entscheidungsspielräume und Mitbestimmungsmöglichkeiten geben. Bei der Jungen Islam Konferenz können Engagierte deshalb als Teilnehmende an Akademie- und Mentoring-Formaten Kompetenzen in verschiedenen fachlichen Bereichen erwerben, Podiumsgäst*innen sein, als Ansprechpartner*in für Presse zu Verfügung stehen, in der Veranstaltungsplanung oder in anderen Bereichen tätig werden. Denn genau diese Selbstwirksamkeitserfahrungen sollten alle jungen Menschen machen können, sie stärkt unser Gemeinschaftsgefühl und damit unsere Demokratie.