Interview

What will feed Europe in 2050?

Polish family farmers imagine agriculture 25 years from now. They share their vision for the future and how you can support the people who grow your food.

Wovon wird sich Europa im Jahr 2050 ernähren?

Polnische Landwirt*innen finden bereits Antworten darauf

Foto: Malwina Nogaj / Unsplash

Ernteausfälle sorgen diesen August europaweit für Schlagzeilen. In Bosnien-Herzegowina sind die Maiserträge auf rissigem, trockenem Boden eingebrochen. Der Deutsche Bauernverband rechnet in diesem Jahr mit erheblichen Ernteausfällen bei Weizen, Kartoffeln und Zuckerrüben, wobei in einigen Regionen sogar ein vollständiger Ernteausfall möglich sein wird. Sengende Temperaturen ließen italienische Trauben früher als je zuvor reifen.

Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung, amplifiziert durch ein starkes El Niño, hat zudem die Sterblichkeitsraten in der Viehzucht in die Höhe getrieben. Im Juni lag die nationale Eierproduktion in Frankreich um eine Million Eier pro Tag unter dem Normalwert. Dürregeplagte Weideflächen zwangen britische Viehzüchter*innen dazu, früher als geplant auf Winterfutter zurückzugreifen. Ökonom*innen schätzen nun, dass die Hitze und Dürre dieses Sommers die EU rund 180 Milliarden Euro kosten werden, was das Wirtschaftswachstum Europas praktisch zunichte machen würde.

Wie geht es nun weiter für einen Kontinent, dessen Ernährungssicherheit von seinen landwirtschaftlichen Flächen abhängt?

„Wir wollen die Kluft zwischen den Institutionen, die die Agrarpolitik gestalten, und den Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, schließen“, sagt Anna Jakubowska vom Instytut Zrównoważonej Gospodarki (Institut für nachhaltige Wirtschaft). In Zusammenarbeit mit der Fundacja Climate & Strategy und mit Unterstützung der Allianz Foundation hat sich ihr Team zum Ziel gesetzt, die Stimmen der Landwirt*innen in die polnische Klimapolitik einzubringen. Im Rahmen des Projekts kamen Familienbetriebe aus verschiedenen Regionen Polens zusammen, die unterschiedliche Generationen und landwirtschaftliche Fachrichtungen repräsentierten, um gemeinsam Visionen für die Landwirtschaft im Jahr 2050 zu entwickeln und diese im Dialog mit politischen Entscheidungsträger*innen und anderen Expert*innen zu erörtern. Als einer der größten Agrarproduzenten der EU steht Polen an der Schnittstelle zwischen Klimapolitik, ländlichen Lebensgrundlagen und Ernährungssicherheit.

Dorota Dembińska und Radosław Kulesza sind zwei der Landwirt*innen, die daran teilgenommen haben. Erfahren Sie mehr über ihre Vision und darüber, wie Sie die Menschen unterstützen können, die Ihre Lebensmittel anbauen.

Foto: Daria Drewnowska / Unsplash

Dem Klimawandel direkt ins Auge sehen

„Als die Heuerntezeit begann, regnete es ununterbrochen. Ich war überwältigt und in Tränen aufgelöst, ich fühlte mich hilflos, weil ich keinerlei Einfluss auf das Wetter hatte“, sagt Dorota Dembińska, als sie nach dem Moment gefragt wurde, in dem ihr bewusst wurde, dass sich grundlegende Klimaveränderungen auf ihr Leben als Landwirtin auswirken. Sie bewirtschaftet 15 Hektar Ackerland, Wiesen und Weiden in der Nähe der Weichsel in der Gemeinde Dragacz, wo sie auch als Dorfvorstehende tätig ist. Ihre Pferde sind auf Heu angewiesen.

„Unser Land liegt in einem Überschwemmungsgebiet, daher stand überall Wasser. Ich habe etwa vier bis fast fünf Hektar Gras verloren, das eigentlich zu Heu werden sollte. Ich war am Boden zerstört, denn ich dachte wirklich, ich würde nicht genug haben, um meine Pferde über den Winter zu füttern.“

„Wir hatten Kohlsamen auf einer Fläche ausgesät, auf der es schwierig war, über das Wasserversorgungssystem zu bewässern. Es stellte sich als sehr schwierig heraus, genügend Wasser zu beschaffen. Dürreperioden treten immer häufiger auf, besonders im Frühjahr. Und genau dann brauchen wir als Landwirte Wasser am dringendsten.“
Radosław KuleszaLandwirt und stellvertretender Bürgermeister von Dobrodzień in der Woiwodschaft Oppeln

Während Dembińska Pferde züchtet und Kulesza Bio-Kohl anbaut, erinnern uns beide daran, dass die Landwirtschaft mehr ist als nur eine Erwerbsquelle. Sie sichert den Lebensunterhalt von Zehntausenden ländlichen Gemeinden.

Landwirtschaft als Identität, nicht nur als Wirtschaftszweig

„Die Landwirt*innen sprachen voller Stolz davon, dass sie von Generation zu Generation weitergegebene Betriebe führen und dass ihre Kinder die Arbeit fortsetzen wollen. Sie fühlen sich emotional verbunden mit der Produktion gesunder, hochwertiger Lebensmittel und mit einer Lebensweise, die untrennbar mit der sie umgebenden Natur verbunden ist“, fasst Anna Siewiorek von der Climate & Strategy Foundation zusammen.


„Um mein Zuhause herum gibt es 15 Hektar Felder, Wiesen und Weiden, dazu Bäume, Waldstücke, Biber und einen kleinen Fluss. Jedes Mal, wenn ich die Natur um mich herum betrachte, weiß ich, dass ich genau hier hingehöre. Nicht in der Stadt, nicht in Bydgoszcz, sondern hier auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin.“
Dorota DembińskaPferdezüchterin und Dorfvorstehende in der Gemeinde Dragacz

Kulesza beschreibt ein ähnliches Gefühl: „Am wichtigsten waren die ruhige Lage und die örtliche Gemeinschaft, die keineswegs einschüchternd ist, wie manche vielleicht denken. Im Gegenteil, es ist ein echter Vorteil, wenn Nachbar*innen sich gegenseitig unterstützen können.“ Er ermutigt Verbraucher*innen, Höfe zu besuchen und über deren nachhaltige Praktiken zu sprechen: „Menschen von außerhalb der Gemeinde ist oft nicht bewusst, dass heute eine große Zahl von Landwirt*innen Bio-Produkte herstellt. Das ist nicht nur für die Landwirt*innen selbst wichtig, sondern auch für die lokale Gemeinschaft und die lokale Wirtschaft.“

Dembińska betont die tägliche Disziplin, die die Tierhaltung erfordert: „Die Tiere müssen zur richtigen Zeit und in den richtigen Mengen gefüttert werden, und sie brauchen stets Pflege und Zuwendung. In gewisser Weise sind sie wie Kinder; wir müssen uns ständig um sie kümmern.“

Hüter*innen des Landes

Beide Landwirt*innen befürchten, dass das Wissen älterer Generationen im Zuge der Modernisierung der Landwirtschaft verloren gehen könnte. „Meiner Ansicht nach ist es am wichtigsten, dass verschiedene Generationen in Kontakt bleiben und miteinander kommunizieren“, sagt Kulesza. „Dieser Austausch von Erfahrungen, Perspektiven und praktischem Wissen ist unerlässlich. Wir brauchen junge Landwirt*innen, oft die Kinder der heutigen Landwirt*innen, die in ihren Gemeinden bleiben. Das ist entscheidend, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Entvölkerung, mit der viele ländliche Gebiete konfrontiert sind.“

„Es ist eine Intuition, ein Gespür für das Land, das sich im Laufe eines ganzen Lebens entwickelt hat. Damit einher geht eine tiefe Liebe zum Land. Heutzutage wollen manche Menschen das Land ausnutzen, aber sie lieben es nicht unbedingt“, sagt Dorota Dembińska.

Kulesza stellt sich seinen eigenen Betrieb im Jahr 2050 als „einen biologischen oder sogar noch fortschrittlicheren Bio-Betrieb“ vor, geprägt von KI und modernen Werkzeugen, deren Weiterentwicklung er sich erhofft.

Dembińska stellt sich vor, dass ihre Tochter Zuzanna, die Tierärztin geworden ist, auch nach Dembińskas Ruhestand noch Pferde auf dem Familiengrundstück züchtet.

Was Polens Landwirt*innen Europa mitteilen möchten

„In ländlichen Gebieten, in denen landwirtschaftliche Flächen vorherrschen, müssen die lokalen Behörden meiner Meinung nach besser verstehen, wie die Landwirtschaft funktioniert. Es reicht nicht aus, ein Gebiet einfach als ‚ländlich‘ oder ‚landwirtschaftlich‘ zu bezeichnen; es bedarf eines echten Verständnisses für die Landwirt*innen und ihre Arbeit“, sagt Dembińska mit Blick auf die neuen Raumordnungsvorschriften für polnische Gemeinden. „Wenn wir in Natura-2000-Gebieten oder in Landschaftsparks leben, sollten wir das respektieren, die Biber in Ruhe lassen und die Bäume erhalten. Dieser eine zusätzliche Landstreifen macht finanziell keinen großen Unterschied, kann aber enorme Auswirkungen auf die Umwelt haben.“

Kulesza möchte von landwirtschaftlichen Genoss*innenschaften in anderen Teilen Europas lernen, um den lokalen Absatz zu stärken. Er ist zudem der Ansicht, dass polnische Landwirt*innen den Ländern Westeuropas etwas darüber beibringen können, wie man zu naturnaheren Anbaumethoden zurückkehrt.

Dembińska ist neugierig zu erfahren, ob Frauen in der Landwirtschaft anderswo in Europa als vollwertige Partnerinnen in Bezug auf Eigentumsverhältnisse und Entscheidungsfindung behandelt werden oder ob dieselben patriarchalen Muster, die sie in Polen beobachtet, auch woanders fortbestehen. Sie merkt an, dass diese Frage alles prägt: von der täglichen Arbeit bis hin zu Renten und finanzieller Unabhängigkeit im späteren Leben.

Gemeinsame Visionen für 2050

Foto: @greenmood / Unsplash

„Unsere Workshops mit Landwirt*innen in den polnischen Städten Dragacz und Dobrodzień haben gezeigt, welche Vorteile es hat, eine vielfältige Gruppe von Fachleuten aus der Landwirtschaft zusammenzubringen. Das Projekt macht deutlich, dass die Zukunft der europäischen Landwirtschaft gemeinsam mit den Menschen gestaltet werden sollte, die sie bewirtschaften, zum Wohle der Gemeinschaften sowohl in den Städten als auch auf dem Land“, sagt Anna Jakubowska, die großes Potenzial darin sieht, den Dialog auf die europäische Ebene auszuweiten.

Aus den Workshops kristallisierte sich eine gemeinsame Vision heraus: landwirtschaftliche Betriebe, die fortschrittliche Technologie mit regionaler Verankerung, Lebensmittelqualität und starken ländlichen Gemeinschaften verbinden. Alle Landwirt*innen waren sich einig, dass Technologie allein die Zukunft der europäischen Landwirtschaft nicht sichern kann. Sie hängt vor allem von Veränderungen im Marktsystem. Mit faireren Preisen für Landwirt*innen, engeren Beziehungen zwischen Züchter*innen und Verbraucher*innen sowie einer Agrarpolitik, die stabil genug ist, um darauf aufbauend planen zu können.

Während sich eine Gruppe stärker auf Diversifizierung konzentrierte, darunter Agrotourismus, Genoss*innenschaften und die Renaturierung von Feuchtgebieten, betonte die andere Gruppe Aspekte der Marktgerechtigkeit wie stabile Preise, Beschränkungen für Importe geringer Qualität und eine bessere Vereinbarkeit von landwirtschaftlicher Arbeit und Familienleben.

Wie Verbraucher*innen Landwirt*innen dabei unterstützen können, ihre Klimaresilienz zu stärken

Photo: Marisol Benitez / Unsplash

Die Auswirkungen der Klimakrise, wie beispielsweise die Ernteausfälle diesen Sommer, können bei den Menschen ein Gefühl der Ohnmacht hervorrufen. Die Landwirt*innen, mit denen wir gesprochen haben, erinnern uns daran, dass Resilienz durch Handeln entsteht. In ganz Europa passen sich Landwirt*innen auf unterschiedliche Weise an den Klimawandel an und greifen dabei oft auf Erfahrungen aus Regionen im Süden zurück, die seit langem mit Trockenheit und Wasserknappheit zu kämpfen haben. In Polen bedeutet dies, Wasser zu speichern, den Anbau zu diversifizieren, den Boden wiederherzustellen und Wege zu finden, um die nächste Generation auf dem Land zu halten.

Für Anna Jakubowska vom Instytut Zrównoważonej Gospodarki beginnt die Förderung einer widerstandsfähigen Landwirtschaft damit, eine einfache Wahrheit anzuerkennen: In einem sich wandelnden Klima kann eine reichhaltige und verlässliche Nahrungsmittelversorgung nicht als selbstverständlich angesehen werden. „Die lokale Nahrungsmittelversorgung muss gefördert, geschützt und fair vergütet werden“, sagt sie. „Ohne diese Unterstützung könnte es für Landwirte zunehmend schwieriger werden, weiterhin Nahrungsmittel für ihre Gemeinden zu produzieren.“

Anna ist der Ansicht, dass jeder einen Beitrag dazu leisten kann, Landwirt*innen bei der Anpassung an die bevorstehenden Herausforderungen zu helfen. Verbraucher*innen können sich dafür entscheiden, Lebensmittel aus der näheren Umgebung zu kaufen, den Direktverkauf und Genoss*innenschaften zu unterstützen und sich dafür zu interessieren, woher ihre Lebensmittel stammen. Bürger*innen können sich zudem für politische Maßnahmen einsetzen, die Familienbetriebe von Anfang an in die Entscheidungsfindung zum Klimaschutz einbeziehen und so sicherstellen, dass kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe mitreden können. Schließlich ermutigt sie die Menschen, Kontakt zu Organisationen wie dem Instytut Zrównoważonej Gospodarki und der Fundacja Climate & Strategy aufzunehmen, um zu erfahren, wie partizipative, von Landwirt*innen geleitete Ansätze in ihren eigenen Gemeinden entwickelt und unterstützt werden können.

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