Radical Ecology: Klimagerechtigkeit durch kreative Praxis
Radical Ecology ist eine gemeinnützige Organisation, gegründet von unserem neuen Allianz Foundation Fellow Ashish Ghadiali. Im Interview spricht Ashish darüber, warum Rassismus- und Umweltgerechtigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind und wie Kunst sich verstehen muss, um Motor von Umweltgerec…

„Unsere ökologische Krise ist vor allem eine Krise des Verhaltens und der Beziehungen.“
Risktaker Insight: Ashish Ghadiali und Radical Ecology
Allianz Foundation: „Du bist zivilgesellschaftlicher und Umwelt-Aktivist, Filmemacher, Kurator, Wissenschaftler und Journalist. Warum braucht es all diese Rollen, um Radical Ecology zum Leben zu erwecken?“
Ashish Ghadiali: „Zunächst: Ich bin mir nicht sicher, wie viele dieser Dinge ich wirklich bin. Aber ich habe mich in den letzten Jahren entschieden dafür eingesetzt, Beziehungen zu Menschen aufzubauen, die all das und mehr sind — Sichtweisen auszutauschen, mich neuen Denk- und Arbeitsweisen zu öffnen, darin verletzlich zu sein und gemeinsam Neues zu schaffen. So beginnen wir, an einer radikalen Ökologie eigener Schöpfung teilzuhaben: einer Gemeinschaft und Ökologie des Wandels, die eigene Wurzeln schlägt — im Boden unserer Zeit und der Geschichte, die wir formen und die auch uns formt, in einem fortwährenden Prozess der Gegenseitigkeit. Der Klimakollaps wird oft als technisches Problem gedacht, das technische Lösungen verlangt. Mein eigener Weg hat mich aber zu der Überzeugung gebracht, dass unsere ökologische Krise vor allem eine Krise des Verhaltens und der Beziehungen ist. Ein kollektives Versagen der Vorstellungskraft, gewissermaßen — nicht zu erkennen, wie wir miteinander und mit dem Planeten verbunden sind, unserer wahren Natur.
Wir leben in Silos. Wir handeln allzu oft in Silos. Es verblüfft mich — gerade zu Beginn dieses Fellowships —, wie eine Organisation, die Werte wie die der Allianz Foundation vertritt, sich zugleich mit einem Gremium präsentiert, in dem BIPOC-Stimmen so spärlich vertreten sind (vielleicht löst dieses Fellowship das Rätsel für mich!). In einem Kontext, in dem die eskalierenden Folgen des Klimakollapses so tiefgreifend rassifiziert sind, und zwar global, schwimmen wir offenbar weiter in einem Meer weißer Vorherrschaft — selbst dort, wo wir uns zu Offenheit, Vielfalt und sozialer Gerechtigkeit bekennen. Sind wir in diesem Sinne nicht Bürger*innen der verwirrten Welt nach dem Turmbau zu Babel?
Ich glaube, dass die Klimakrise im Kern Ausdruck dieser größeren Krise unserer Kultur ist, dieser Verwirrung — und dass sie sich nur durch eine Transformation unserer Kultur aus der Tiefe lösen lässt. Erkenntnis und Erfüllung entstehen für mich gerade dort, wo die Funken von Vorstellungskraft und Verbundenheit gezündet werden, die die Bewegung zwischen Disziplinen und Sprachen freisetzt. Es geht darum, die Strecke zwischen dem Persönlichen und dem Planetarischen zu laufen (und zurück) — indem wir Vorstellungskraft dort nähren, wo sie am nötigsten ist. Das kann in den Zitadellen der Klimawissenschaft geschehen wie in den Bürgerzentren unserer Dörfer und Städte, die ein Jahrzehnt der Austerität, populistischer Fremdenfeindlichkeit, ökologischen Zusammenbruchs und steigender Energiepreise verwüstet hat — gebaut auf Jahrhunderten der Verzerrung, die aus unserer gemeinsamen Geschichte von Imperium und globalem Extraktivismus stammen.
Diese alte Welt liegt im Sterben. Unsere Arbeit ist es, ihrer Atmosphäre neues Leben einzuhauchen — Brücken zu bauen zwischen Welten, die füreinander zu oft taub und blind sind: zwischen Kunst und Wissenschaft, globalem Norden und globalem Süden, Expert*innen und Zivilgesellschaft, menschlicher Geschichte und dem Multiversum des Lebens zwischen den Arten — wie zwischen den Rollen und Funktionen, die ihr beschrieben habt. Wo immer wir stehen: In solcher Dynamik und Bewegung können wir uns und unser Tun zugleich aus der Intimität der eigenen Perspektive und durch den fremden Blick des anderen sehen. Die Energie und Intensität dieser Begegnungen ist auch der Schmelztiegel unserer kulturellen Erneuerung, in dem neues Leben zu tanzen beginnt.“
Allianz Foundation: „Wie hoffnungsvoll bist du, was diese tiefe Transformation unserer Gesellschaften angeht?“
Ashish Ghadiali: „Sie wird nicht über Nacht geschehen. Aber wenn wir unsere Welt annehmen, wie sie ist, können wir uns auch dem Wert der Wahrheit und dem Prozess des Wandels verpflichten.“
Allianz Foundation: „Sind Rassismus- und Umweltgerechtigkeit zwei Seiten derselben Medaille?“
Ashish Ghadiali: „Ja. Race existiert eigentlich nur als Konstrukt der Umwelt, die wir selbst erschaffen — und Gerechtigkeit im einen wird, richtig verstanden, schnell als Gerechtigkeit im anderen hervortreten.“
Allianz Foundation: „Wie muss Kunst sich selbst verstehen, um Motor von Umweltgerechtigkeit zu sein?“
Ashish Ghadiali: „Für mich beginnt es mit dem Eingeständnis, dass unsere Kunst, unser Tun, nie neutral ist — sondern immer Ausdruck unserer Werte, Überzeugungen und unseres Gespürs für den Platz, den wir in der Welt einnehmen. Ob ausdrücklich im Werk oder nur latent in unseren Annahmen und allem, was wir für selbstverständlich halten. Wir können uns entscheiden, im Einklang mit den Kulturen weißer Vorherrschaft, geschlechtsspezifischer Gewalt, des Anthropozentrismus und Konsumkapitalismus zu handeln und zu schaffen. Diese Kräfte bringen viele Ungerechtigkeiten unserer Zeit hervor, und sich an sie anzulehnen ist in vielerlei Hinsicht der Weg des geringsten Widerstands — schließlich stecken so viel Macht, Ressourcen und Autorität in den Systemen und Institutionen, die aus dem historischen Aufstieg dieser Kräfte über Jahrhunderte und Jahrtausende hervorgegangen sind.
Doch wir wissen inzwischen: Bei aller angehäuften Macht sind es diese Kräfte, die uns auch in unsere eigene Auslöschung führen. Statt uns anzulehnen, können wir fragen, was jenseits der Formen und Strukturen von weißer Vorherrschaft, geschlechtsspezifischer Gewalt, Anthropozentrismus und Konsumkapitalismus liegt. Was heißt es überhaupt, Mensch zu sein — im Verhältnis zum Leben dieses lebendigen Planeten, jetzt, da wir wissen, was wir wissen? Das sind Fragen, die den Status quo stören. Aber wenn unsere Kunst Ausdruck der Auseinandersetzung mit ihnen ist, können wir auch ein Gefühl von Nähe und Bedeutung zwischen uns und dem Planeten wiederherstellen. Diese Bedeutung durchzieht unser Leben und fließt in die Welt wie eine Quelle, die den Fluss erreicht und dann ins Meer mündet.“

Über
Ashish Ghadiali, Aktivist und Autor, hat sich vorgenommen, nachhaltiges Zusammenleben zu fördern und die systemischen Ungleichheiten zu verändern, die das Potenzial unserer Welt behindern. Es sei zwingend, sagt er, „dass wir (…) jetzt lernen, nachhaltig am Leben der Erde teilzuhaben.“ Dieses Wissen und das entsprechende Verhalten müssen dringend verankert und an kommende Generationen weitergegeben werden. Ashish arbeitet derzeit an mehreren Buchprojekten, schreibt für The Guardian und leitet Radical Ecology — eine Organisation, die über Kunst, Forschung und Politik hinweg an ökologischer Transformation als Antwort auf die planetaren Krisen unserer Zeit arbeitet.







