Von der schmutzigsten Stadt Europas zur ökologischen Erfolgsgeschichte

Das Festival OSTEN verbindet Kunst mit postindustriellen Zukunftsvisionen

27. Juli 2026

Wie geht es weiter mit einer Stadt, aus der die Industrie verschwindet, aber ein Teil der Menschen bleibt?

Diese Frage eint europäische Regionen, die einmal von Kohle, Stahl oder Chemie lebten: das Ruhrgebiet, Nordfrankreich, Wallonien, Oberschlesien oder die walisischen Bergbautäler.  

Reicht eine landschaftliche Umgestaltung aus, um diese Orte für zukünftige Generationen lebenswert zu machen? In Bitterfeld-Wolfen lautet die Antwort: Es braucht Menschen mit einer Vision, die bereit sind, auch in schwierigen Zeiten zu bleiben und gemeinsam etwas aufzubauen. 

Einige von ihnen arbeiten für das Festival OSTEN. Es findet vom 12. bis 27. September statt und verhandelt über künstlerische Formate die Fragen: „Was ist der Osten? Was ist spezifisch für Ostdeutschland? Was findet sich hier, was international auch relevant ist?” 

Zwei Transformationen an einem Ort 

Bitterfeld-Wolfen war zur Zeit der DDR die schmutzigste Stadt Europas. Die Chemieindustrie und die Braunkohleförderung führten zu kontaminierten Böden, vergiftetem Grundwasser und ausgekohlten Landschaften. 1994 begann eines der größten Altlastensanierungsprojekte Deutschlands. Sachsen-Anhalt investiert jährlich bis zu 15 Millionen Euro, um 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser zu reinigen. Wie lange dieser Prozess noch dauern wird, ist ungewiss. 

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Bitterfeld, Bundesarchiv 10. Juli 1981 © Thomas Lehmann

“Heute erzählt der Ort eine nachhaltig ökologische Erfolgsgeschichte mit sehr viel Grün und gefluteten Braunkohlebecken, die zu großen Seen wurden. ”
Max Hörügel, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit OSTEN Festival.
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Durch die Renaturierung der ehemaligen Tagebaufläche Goitzsche südöstlich von Bitterfeld nahm die Artenvielfalt in den letzten Jahrzehnten zu. An den Gewässern und Offenlandbereichen haben sich unter Anderem Seeadler, Rohrdommeln, Kraniche, Kreuzkröten und der Elbebiber angesiedelt. 

„Damit beobachten wir hier zwei Transformationen gleichzeitig: einmal die ökologische, postindustrielle Transformation und einmal die Transformation von Städten, die große Teile ihrer Bevölkerung verloren haben.“ 

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Ehemalige Tagebaufläche Goitzsche

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Ehemalige Tagebaufläche Goitzsche

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Ehemalige Tagebaufläche Goitzsche

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Ehemalige Tagebaufläche Goitzsche

In Wolfen-Nord lebten während der deutschen Wiedervereinigung noch 35.000 Menschen, die vor allem in der berühmten ORWO-Filmfabrik gearbeitet haben. Heute sind es knapp 6.000. Während in den Großstädten Wohnungsnot herrscht, werden hier einzelne Etagen der Plattenbauten abgetragen und die anderen modernisiert.

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Wolfen, ORWO Filmfabrik © Ralf Lotys

Wirtschaftlich ist es der Doppelstadt gelungen, einen hochtoxischen Industriestandort in einen diversifizierten Wirtschaftsraum zu verwandeln. Im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen haben sich 350 Unternehmen wie Bayer, Linde oder Evonik angesiedelt und 15.000 Arbeitsplätze geschaffen. 

Auch ein neuer energieeffizienter Bahnhof und ein Bildungszentrum haben die Wohnattraktivität gesteigert. Nun steht der Ort vor der Herausforderung, die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen zu bremsen. 

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Beate Müller und Hendrik Schmeer, Vorstandsmitglieder Wolfen-Nord e. V.

Wie das gelingen kann, beschäftigt Beate Müller und Hendrik Schmeer aus dem Vorstand des Wolfen-Nord e. V. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, ein ehemaliges Plattenbau-Quartier wiederzubeleben und entwickeln Konzepte für experimentelles Wohnen. Der Wolfen-Nord e. V. ist Programmpartner des Festivals OSTEN und betreibt den Jugendclub 84, der neben dem stillgelegten Braunkohlekraftwerk Zschornewitz eines der zwei Festival-Standorte ist. 

“Manche Leute reden von der Apokalypse, die hier bereits stattgefunden hat. Jetzt sind wir an einem Neuanfang. Viele Leute kommen in unsere Region, um etwas aufzubauen oder sich selbst neu zu erfinden.”
Hendrik Schmeer, Wolfen-Nord e. V.

Bevor sich der gebürtige Duisburger beruflich in Richtung Ökologie und Landwirtschaft umorientierte, war er Software-Entwickler. Im Gemeinschaftsgarten in Wolfen-Nord verwirklicht Hendrik Schmeer mit Gleichgesinnten Visionen vom nachhaltigen Gärtnern mit Ansätzen aus der Permakultur und kollektiver Selbstversorgung. 

 

Gekommen, um zu bleiben 

Einst ermöglichte die sozialistische Planstadt-Architektur kurze Wege und Nachbarschaft über Milieugrenzen hinweg. So entstanden in Wolfen-Nord Zusammenhalt und eine emotionale Bindung. „Bis heute kommen Menschen zurück, um im ehemaligen Jugendclub 84 ihre Hochzeitsfeier auszurichten,“ sagt Beate Müller. 

Die Vereinsvorständin und Künstlerin kam aus der politischen Bildungsarbeit in Leipzig in die Region und baut gemeinsam mit Hendrik Schmeer ein Stadtteillabor von unten auf, inklusive Kartoffelacker, Gemeinschaftswohnung als Coworking-Space und Residenzen für Künstler*innen. Nachhaltigkeit ist für Beate Müller nie nur eine ökologische Frage, sondern immer auch eine soziale. Sie will Menschen verbinden, die vielleicht sonst keine Berührung miteinander hätten. 

“Unsere Arbeit zum experimentellen Wohnen bezieht die Plattenbauten ein. Die Menschen hier können wertvolle Erfahrungen einbringen. Sie sollen wieder Selbstwirksamkeit erfahren, anstatt verdrängt zu werden, wenn hier was Neues passiert und Menschen von außen zuziehen.”
Beate Müller, Wolfen-Nord e. V.
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Jugendclub 84, Facade

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Jugendclub 84, Beate und Hendrick

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Jugendclub 84, Kunstwerk

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Jugendclub 84, Garten

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Jugendclub 84, Veranstaltungsraum

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Jugendclub 84, Hendrick und sein Bienenstock

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Jugendclub 84, Kunstwerk

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Jugendclub 84, Eingang

Perspektiven für die nächste Generation 

Auch der Jugendclub 83 e. V. ist Netzwerkpartner vom Festival OSTEN. Für diesen Beitrag haben wir mit Jessica Müller, Cornelia Geißler und Steffi Hauck gesprochen. Die drei engagieren sich im Projekt „Ein Ort für die Industriekultur – ein Ort für die Zukunft“, das im Rahmen des Festival OSTEN entwickelt wird und neue Räume für Begegnung, kulturelle Bildung und Teilhabe in Bitterfeld-Wolfen schaffen möchte. Das Projekt bringt unterschiedliche Generationen und Perspektiven zusammen. 

„Der Jugendclub 83 ist ein Ort, an dem junge Menschen so sein dürfen, wie sie sind. Hier geht es nicht nur um Freizeit, sondern darum, Gemeinschaft zu erleben, Vertrauen aufzubauen und sich auszuprobieren“, sagt Sozialarbeiterin Jessica Müller. „Kinder und Jugendliche finden hier Menschen, die ihnen zuhören, sie ernst nehmen und sie auf ihrem Weg begleiten.“

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Jugendclub 83 e. V., Gebäude

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Jugendclub 83 e. V., Freizeitraum

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Jugendclub 83 e. V., Freizeitraum

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Jugendclub 83 e. V., Freizeitraum

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Jugendclub 83 e. V., Freizeitraum

Um die Kompetenzen und Ressourcen junger Menschen zu stärken, greift der Jugendclub 83 e.V. auf ein vielfältiges Netzwerk von schulischen, außerschulischen, wirtschaftlichen, politischen und Gemeinwesen orientierten Akteuren zurück, die sich für Demokratie, Teilhabe und gesellschaftliche Mitbestimmung einsetzen. 

Warum solche Orte wichtig sind, erklärt Sozialarbeiterin Cornelia Geißler: 

“Wolfen-Nord zeigt exemplarisch, was passiert, wenn gesellschaftliche Umbrüche nicht nur Gebäude, sondern auch soziale Räume hinterlassen. Gerade deshalb sind Orte wie der Jugendclub unverzichtbar. Hier werden die Folgen von Transformation sichtbar, gleichzeitig entstehen Ideen und Lösungen, die von den Menschen vor Ort selbst entwickelt werden.”
Cornelia Geißler, Jugendclub 83 e. V.

Der Jugendclub versteht Beteiligung dabei nicht als Schlagwort, sondern als gelebte Praxis. Kinder und Jugendliche gestalten Projekte aktiv mit und lernen, dass sie ihr Umfeld mit ihren Ideen verändern können. Das stärkt nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch demokratische Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung. 

Den Menschen in der Region möchte Steffi Hauck vor allem Zuversicht mitgeben: „Bitterfeld-Wolfen hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt, und diese Entwicklung lebt davon, dass wir sie gemeinsam gestalten.“ Ihr Wunsch: „Lasst uns freundlich sein, füreinander einstehen und Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung sehen.“ 

Raus aus der Bubble

„Was mich an der Arbeit für das Festival OSTEN begeistert, ist, dass man auch außerhalb der Kultur-Bubble viele Leute kennenlernt, die sehr klare Zukunftsvisionen für diese Region haben. Die bleiben auch in schwierigeren Zeiten am Ball, weil sie hier etwas zusammen aufbauen wollen,” so Max Hörügel

Bei jeder Ausgabe des Festivals lassen sich Übergangsprozesse zu postindustriellen Landschaften erleben. „Es lohnt sich vorbeizuschauen, wenn Kulturinteressierte aus den Großstädten mit Menschen hier vor Ort zusammentreffen, die täglich dafür arbeiten, dass die Region lebenswert bleibt. Ich stelle dabei fest, dass sich sehr unterschiedliche Gruppen dieselben Fragen stellen und darüber nachdenken, wie die Zukunft aussehen kann.”

Alle die sich fragen, wie sich gesellschaftliche Energien für die Zukunft aktivieren lassen, sollten das Festival OSTEN in Sachsen-Anhalt nicht verpassen. 2026 finden Theateraufführungen, Performances, Ausflüge, Gespräche und viele weitere Formaten in Wolfen-Nord und im ehemaligen Braunkohlekraftwerk Zschornewitz statt.