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Das Allianz Foundation Hubs Netzwerk startet: ein Interview mit Lorenzo Marsili

Lorenzo Marsili, Mitglied des Teams von Fondazione Studio Rizoma - unserem Hub in Palermo - spricht über die Gründung des Netzwerkes, die Herausforderungen und die Besonderheiten der Kooperation.

Lorenzo is speaking into a microphone and gesticulates. In the backgound two persons are listening and one is smiling.

Lorenzo Marsili at the opening of Between Land and Sea, 2021 © Studio Rizoma

Mehr über

Die Allianz Foundation Hubs

Allianz Foundation Hubs sind ein europäisches Netzwerk regionaler Plattformen aus Kultur, Zivilgesellschaft und Klimaschutz, die an Lösungen zu den drängenden Fragen unserer Zeit arbeiten. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es neue Wege des Austauschs und der Zusammenarbeit. Und eine gemeinsame Vision. 

Wir müssen uns mit Risktakern verbünden und unsere Fantasie einsetzen, um Visionen einer zukünftigen Gesellschaft zu entwickeln
Lorenzo Marsili

Transnationale Zivilgesellschaften stärken

An interview with Lorenzo Marsili

(Übersetzung aus dem englischen Original)

Allianz Foundation: Warum wird das Allianz Foundation Netzwerk benötigt – kannst du drei Gründe nennen?

Lorenzo Marsili: Wie Naturkatastrophen und die jüngsten Kriege deutlich gemacht haben, leben wir in einer Zeit europäischer und globaler Risiken, die nur mit einer gestärkten transnationalen Zivilgesellschaft angegangen werden können. Das Hubs-Netzwerk ist ein wichtiger Akteur, der zur Entstehung einer solchen Zivilgesellschaft beitragen kann.

Um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, müssen wir sowohl auf kultureller als auch auf sozialer Ebene aktiv werden. Wir müssen Risktaker zusammenbringen und unsere Fantasie einsetzen, um Visionen einer zukünftigen Gesellschaft zu entwickeln. Das Hubs-Netzwerk verbindet künstlerische, ökologische und soziale Ansätze und vereint das Transnationale mit dem Transdisziplinären.

Schließlich müssen wir die Menschen mitnehmen und sie in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld abholen – dort, wo ihre täglichen Sorgen und Hoffnungen sind - ohne eine "Jet-Set"-Klasse von Aktivist*innen oder Kulturschaffenden zu bilden, die von den lokalen Realitäten losgelöst ist. Deshalb wird eine wichtige Aufgabe des Hubs-Netzwerks darin bestehen, Ressourcen für ihr lokales Umfeld, ihr Ökosystem, bereitzustellen und Chancen zu eröffnen.

Allianz Foundation: Netzwerke gibt es viele – was ist das Besondere an den Allianz Foundation Hubs?

Lorenzo Marsili: Das Hubs-Netzwerk hat einen einzigartigen Ansatz, der globale und lokale Dimensionen miteinander verbindet. Als paneuropäisches Netzwerk – mit einem offenen Begriff davon, wo die Grenzen Europas liegen – fördert es aktiv die Entstehung eines gemeinsamen, transnationalen Raums für kulturelles und soziales Engagement. Gleichzeitig regt das Programm die teilnehmenden Partner dazu an, Ressourcen, Ideen und Know-how zu teilen und in einem Netzwerk von Hubs ein Ökosystem zu bilden. Eine Vielzahl von Start-ups, informellen Zusammenschlüssen und kleineren Organisationen kann so gestärkt werden, die normalerweise Schwierigkeiten hätten, Zugang zu paneuropäischen Kooperationen zu finden und Unterstützung zu erhalten.

Allianz Foundation: Ganz konkret: wie arbeiten die Hubs zusammen?

Lorenzo Marsili: Anstatt einen völlig separaten Raum für die Zusammenarbeit einzurichten, öffnen die Hubs sich, teilen ihr Arbeitsprogramm und definieren Bereiche des gemeinsamen Handelns innerhalb ihrer bestehenden Prioritäten. Die Mitgliedschaft im Netzwerk kann so eine transformative Erfahrung für die Teilnehmenden werden, die Istanbul in Palermo oder Prizren in Istanbul einbringt.
 
Das Hubs-Netzwerk fördert jedoch nicht nur die bilaterale oder multilaterale Zusammenarbeit zwischen seinen Mitgliedern. Vielmehr wird das Netzwerk selbst zu einem Beschleuniger, es befähigt sein Ökosystem, soziale und kulturelle Initiativen über Grenzen hinweg zu schaffen. Ein Beispiel ist das Residency-Programm, bei dem jedes Jahr einer Gruppe von Künstler*innen und Aktivist*innen aus allen teilnehmenden Regionen eine einjährige Forschungs- und Arbeits-Residency in den Hubs-Städten angeboten wird.

Allianz Foundation: Was sind die größten Herausforderungen für das Netzwerk?

Lorenzo Marsili: Den herkömmlichen Ansatz transnationaler Zusammenarbeit - bei dem zwei oder mehr Organisationen zusammenarbeiten, um gemeinsam ein Projekt zu entwickeln - zu überwinden und stattdessen einen offenen Zugang für andere Organisationen und Menschen zu schaffen, um sich grenzüberschreitend zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Dies wird besondere Programme verlangen, wie z.B. das Residency-Programm, und die benötigten Mittel müssen aufgebracht werden, um grenzüberschreitende Kooperationsprojekte in den im Netzwerk vertretenen Regionen zu ermöglichen.

Allianz Foundation: Ein Blick in die Zukunft: Wo siehst du das Hubs-Netzwerk in 10 Jahren?

Lorenzo Marsili: Ich sehe es als innovatives Beispiel europäischer Kulturpolitik. Ein beständiger Raum, der die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Verknüpfung einer Vielzahl von Organisationen und Menschen aus ganz Europa unterstützt und finanziert und der demokratisch von einer Gruppe von Hubs geleitet wird, die eine immer größere Zahl von Regionen repräsentieren.

Über Lorenzo Marsili

Lorenzo Marsili ist ein Aktivisten-Philosoph und Mitbegründer der transnationalen NGO European Alternatives und der Kulturstiftung Fondazione Studio Rizoma. Zuvor arbeitete er im Kulturjournalismus in London und Peking, wo er die Zeitschrift Naked Punch Review gründete. Seine neuesten Bücher sind Planetary Politics (Polity Press 2020), Citizens of Nowhere (Zed Books 2018 und Suhrkamp Verlag 2019) und La tua patria è il mondo intero (Laterza, 2019).